Schall und Rauch in vier Wänden

Die Blenkes starten einen neuen Lebensabschnitt in der Vahr.
Harald Blenke war Tabakverkäufer und Mitglied der Beatband „The Yankees“. Spuren der beruflichen und musikalischen Vergangenheit finden sich überall in der Wohnung.

Wenn Harald Blenke die Gitarre in die Hand nimmt, schwingt Beatsound durch die vier Wände.
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Ich informiere mich gerade über das Richard-Wagner-Stück »Parsifal«.“ Bärbel Blenke legt einen Stapel Blätter beiseite. Als Klassikfan will sie gut vorbereitet sein, wenn das Musikdrama abends live von den Bayreuther Festspielen im hiesigen Kino übertragen wird. Musik spielt seit Jahrzehnten quasi die erste Geige im Hause Blenke. Zuerst veränderte Elvis das Leben der Dame mit den modisch kurz geschnittenen Haaren – dann ihr Mann.

Der King of Rock ‘n‘ Roll rief zu Freiheit und kurzen Röcken auf, Harald Blenke beeindruckte mit krachigen Gitarrenklängen als Mitglied der Beatband „The Yankees“. Mit der Hochzeit zogen Klassik und Rock ‘n‘ Roll unter ein Dach. Das neue Zuhause der Blenkes befindet sich seit gut sechs Monaten an der Eislebener Straße. „Wir haben uns verkleinert und sind aus dem Achimer Eigenheim in die Vahr gezogen“, erzählt Bärbel Blenke. 120 Quadratmeter schmolzen auf 80, die Plattensammlung schrumpfte auf eine Handbreite absoluter Lieblingsscheiben.

Nachdem ich bei der Martin Brinkmann AG zu arbeiten begann, hieß es nur noch Tobacco, Tobacco, Tobacco.

Harald Blenke

Klangvolle Schätze
Harald Blenke streicht ehrfürchtig über die Plattenhülle, auf der in dicken Lettern „Halbstark“ zu lesen ist – ein Yankee-Hit. Die Strophen schallen nicht nur aus den heimischen Boxen, wo sich im lichtdurchfluteten Wohnzimmer der Plattenteller dreht, viele Bands covern den Evergreen noch heute. Live standen „The Yankees“ in den Jahren um 1965 auf der Bühne. Die Lokale am Osterdeich waren damals ihr zweites Zuhause. Harald Blenke griff in die Saiten, als die Kultfernsehmusiksendung „Beat-Club“ zum ersten Mal ausgestrahlt wurde.

Stolz und Erfüllung spiegeln sich in den graublauen Augen hinter der Brille, wenn er von langen Nächten erzählt. Seine Gitarren, eine Goldene Schallplatte und eine Bandchronik sind heute stille Zeugen der lauten Zeiten. Zwar sind die Haare des 70-Jährigen mittlerweile ergraut, das lässige Hemd und die Jeans lassen dennoch ahnen, Rock ‘n‘ Roller altern nicht, das Musiker-Leben hält fidel – und sorgt für allerhand Gesprächsstoff.

Erinnerungen aus Porzellan: Harald Blenke arbeitete lange in der Tabakindustrie.
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Schätze aus Vinyl. Nach dem Umzug hat sich die Sammlung auf die besten Stücke verkleinert.
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Die gute Gitarre hat ihren Platz normalerweise unter dem Ehebett.
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Einmal um die Welt und zurück
Der gelernte Industriekaufmann schrieb nicht nur Musikgeschichte, er war auch ein Weltenbummler: „Nachdem ich bei der Martin Brinkmann AG zu arbeiten begann, hieß es nur noch Tobacco, Tobacco, Tobacco.“ Orient, Balkan, Amerika – der Tabakeinkäufer rauchte in allen Ländern, in denen die großen Blätter auf den Feldern standen. In bauchigen Porzellangefäßen – manche fußballgroß – lagerte das wollig-goldgelbe Kraut. Heute sammelt Bärbel Blenke in einem davon Kleingeld. „Für jeden Haarschnitt, den ich meinem Mann schneide“, spaßt sie. Gemälde, Grafiken und Malereien in der ganzen Wohnung verströmen Fernweh, es sind Mitbringsel von Dienstreisen. „Selbst fotografiert hat er auch“, Bärbel Blenke zeigt im Flur eine Serie mit Fachwerkhäusern aus dem Schnoor. Ob im Arbeits-, Wohn- oder Schlafzimmer – die unterschiedlich gerahmten Motive sind Fenster zu fernen Welten und wecken Fernweh beim Betrachter. Die geschmackvolle Einrichtung geht auf Harald Blenkes Faible für Innenarchitektur zurück, erzählt die ehemalige Vorstandssekretärin, die ihren Gatten im Zigarettenunternehmen kennen und lieben lernte.

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Zu Ostern waren wir eine Woche zu sechst in der Wohnung, das ging auch.

Bärbel Blenke

Im Appartement treffen Erinnerung und Moderne kreativ arrangiert aufeinander. Vom cognacfarbenen Ledersofa blitzen türkisblaue Kissen, auf einem nostalgischen Nähmaschinentisch stehen frische Schnittblumen neben einer Tischlampe im Tiffany-Stil. Weitere Leuchten sind auf Fenstern oder antiken Dunkelholztischchen platziert. „Wir mögen warmes Licht am Abend. Die Wohnung gefällt mir besonders, weil sie unglaublich lichtdurchflutet ist, das brauche ich – und frische Blumen“, die gebürtige Woltmershauserin lacht. Den Umzug vom weitläufigen Grundstück auf die 80 Quadratmeter haben beide nicht bereut. Dass sich nach 36 Jahren auch ein wenig Wehmut in die Umzugskartons schmuggelte, sei aber unvermeidbar gewesen.

Neuer Lebensabschnitt am Puls der Stadt
„Ich mag die grüne Umgebung und die gute Anbindung. Zudem ist der Kontakt zu Nachbarn und Hauswartin Frau Evers sehr gut“, zählt die Kulturliebhaberin auf, die nun kurze Wege zu Theater, Kino und Bürgerzentrum hat. Bärbel Blenke überlegt, wo die Emil-Sommer-Straße ist, demnächst stehen Ausflüge zum KulturSalon und Sauerstoffpfad an sowie eine Führung durchs Quartier.

Auch wenn es ruhig um die Yankees geworden ist, still wird es bei den Blenkes nie sein, der Musik sei Dank.
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Ihr Ehemann schwärmt von dem Service der GEWOBA und dem moderaten Mietpreis. Fürs Einrichten hat er ein Händchen, es fehlt beim Heimwerken. Schlimm ist das nicht: „Es genügt ein Anruf und schon kommt jemand von der GEWOBA und kümmert sich um Kleinigkeiten, das finde ich klasse.“ Beim Hallo und Guten Tag im Hausflur bleibt es nicht, das Paar klopfte an alle Türen und lud Nachbarn schon zum Kaffee ein. Sicherlich musste das eine oder andere Möbelstück nach dem Umzug weichen. Als klein bezeichnen die Blenkes ihre Wohnung dennoch nicht. Wenn sich die Tochter mit den beiden Enkelkindern aus Frankfurt ankündigt, bucht sie kein Hotelzimmer, sondern checkt im Familiengästezimmer ein. „Zu Ostern waren wir eine Woche zu sechst in der Wohnung, das ging auch, da wurde einfach der Flur mit einem großen Tisch zum Esszimmer umfunktioniert“, erinnert sich Bärbel Blenke und denkt dabei an die ersten Lebensjahre in Woltmershausen. Beengt und spartanisch sei es gewesen. Erst als die Eltern in Woltmershausen die erste eigene Wohnung in den 50er Jahren bezogen, kam der Standard mit Warmwasser und etwas mehr Platz dazu, „das war übrigens auch eine GEWOBA-Wohnung.“