Anker für die Seemannsseele

Schiffe werden im Hafen festgemacht – ihre Besatzung „legt“ an der Seemannsmission an. Die Freiwilligen dort versuchen, einen Ruhepol in der Fremde zu bieten. In Bremerhaven wurde die Einrichtung 2015 zur weltbesten gekürt.

Abed Jaber weiß, wie es sich anfühlt, monatelang fern der Heimat zu sein. Er fuhr vier Jahrzehnte zur See. „Die Gedanken sind immer bei der Familie“, sagt der gebürtige Libanese, „das Schlimmste ist, sie nicht erreichen zu können.“ Vor fünf Jahren ging er in Ruhestand oder anders gesagt, endgültig „vor Anker“.

Der Geruch von salziger Luft und der Blick aufs Wasser lassen ihn dennoch nicht los. Als ehrenamtlicher Schiffsbesucher der Deutschen Seemannsmission in Bremerhaven betreut er Seeleute während des Aufenthaltes im Hafen. Er geht an Bord, versorgt die Besatzung mit Kleinigkeiten, klopft Schultern, fragt wie es geht auf Englisch, Französisch, Deutsch, Arabisch – wenn nötig mit Händen und Füßen: „Ich möchte nur das zurückgeben, was ich selbst zu meiner aktiven Zeit von der Seemannsmission bekommen habe“, erklärt er seine Motivation. Seemannsmission – in einer Hafenstadt klingt der Begriff vertraut und unbekannt zugleich. Klar, es ist eine kirchliche Einrichtung. „Aber ,Mission’ heißt nicht missionieren, sondern bedeutet ,Aufgabe’“, stellt Jaber klar: „Ob ein Seemann Muslim, Buddhist oder Christ ist, spielt für uns keine Rolle.“ Die Arbeit der Mission ist gelebte Gemeinschaft. Erfolgreich ist sie noch dazu, das Internationale Netzwerk der Hilfsorganisationen für Seeleute (ISWAN) kürte die Bremerhavener Einrichtung, zu der auch das Seemannsheim, der Seemannsclub „Welcome“ und der Bordbesuchsdienst gehören, 2015 zur weltbesten. Abgestimmt haben die Seeleute, ihnen gefielen Aufenthalt und Service in der Seestadt am besten.

Erfahrungen durch Begegnungen

Die Helfer von Land versuchen, ein Stück Zuhause zu bieten. Egal, woher ein Seemann stammt, wenn er in einem fremden Hafen an Land geht, sieht es immer anders aus – die Situation ist jedoch dieselbe: „Man kennt sich nicht aus; der Aufenthalt ist kurz; man möchte mal weg von Bord und ein bisschen Ruhe finden“, beschreibt der Wahl-Bremerhavener den Alltag zwischen Reling und Wasserkante. „Vor allem möchte man mit seiner Familie telefonieren, hören, wie es der Frau und den Kindern geht, am besten noch sie sehen.“ Auf den Ozeanen sind diese Verbindungen schwer zu knüpfen – und wenn, dann sind sie sehr teuer. Die Schiffsbesucher der Seemannsmission haben die Lösung im Gepäck: „Ich habe immer ein paar Telefonkarten dabei.“ Im Seemannsheim und im Seemannsclub können die Seeleute dann auch über das Internet Kontakt mit ihren Familien aufnehmen. „Neulich hat ein Seemann über eine Videoschaltung einfach nur stundenlang zugeschaut, wie seine Kinder zu Hause spielen und hat sich still gefreut, dass es ihnen gut geht“, erinnert sich der Helfer.

Jaber kam 1971 aus dem Libanon nach Bremerhaven, ließ sich dort an der Seefahrtsschule ausbilden und arbeitete unter anderem 26 Jahre als Lotse im Ölhafen von Abu Dhabi. Er ist ein ruhiger, zurückhaltender Mann, spricht leise, hört lieber zu: „Wir bieten unsere Hilfe an, aber drängen sie nicht auf.“ Bei den Bordbesuchen trägt er stets eine Mütze mit dem Symbol der internationalen Transport-Gewerkschaft ITF. Ein wortloses Signal für jeden Seemann: „Wenn er Probleme an Bord hat, kann ich ihm die Hilfe der ITF vermitteln – aber nur, wenn er es wirklich will.“ Zum Team der Schiffsbesucher gehören sechs Ehrenamtliche, vier Seemannsdiakone, ein Seemannspastor sowie eine Handvoll junger Leute, die ihr freiwilliges soziales Jahr absolvieren. Der Jüngste in der Runde ist Yannik Holin, Abiturient aus Hamburg. Seemannsmission ist keine Einbahnstraße, das hat er bereits nach vier Wochen erkannt: „Über die Begegnung mit Menschen aus aller Welt kann ich viel Erfahrung sammeln.“ Den wichtigsten Begriff und damit das Ziel der ganzen Arbeit hat er gleich zu Beginn von Abed Jaber gelernt: „Seafarer’s dignity – die Würde der Seeleute zu schützen, die zu uns kommen. Das ist alles, worum es hier geht.“