Auf immer Gröpelingen

„Hier empfinde ich ein Zuhause-Gefühl, das heute vermutlich kaum noch jemand wirklich nachvollziehen kann“, erzählt Martina Kruck, die ihr gesamtes bisheriges Leben in Gröpelinger GEWOBA-Bauten verbachte – in ein und derselben Straße.

Als Kind malte sie hier bunte Kreidebilder, kannte die besten Verstecke, jeden Baum und jeden Strauch. Von Geburt an lebt die 45-jährige Martina Kruck in Gröpelingen. Genauer: In der Posener Straße. So wie schon ihre Eltern vor ihr. Und auch Sohn Danny (19), „in dritter Generation gebürtiger Posener“, machte hier seine ersten Schritte. Kurzum: In jedem Meter Bordstein stecken mehr Erinnerungen als in so manchem Fotoalbum.

(K)EINE LIEBE AUF DEN ERSTEN BLICK

In der Posener Straße scheint die Zeit auf wundersame Weise stillzustehen. Vor dem Eingang zum Rotklinkerbau aus den Fünfzigerjahren ragt eine mächtige Robinie ihre Äste in den Himmel. Auf dem Gehweg flanieren freundlich grüßende Spaziergänger. In der Ferne: Kinderlachen. Die harmonische Ruhe in der üppig begrünten Wohnstraße im Stadtteil Gröpelingen ist beinahe mit den Händen greifbar. Links und rechts der Straße: rot gedeckte Häuserzeilen, Spitzgiebel mit Gauben und weiß gerahmte Fenster. Ein üppiger Baumbestand schluckt den Lärm der Stadt.

Die Wohnung von Martina Kruck liegt im zweiten Obergeschoss des Fünf-Parteien-Hauses. „Eigentlich nichts Besonderes“, so die bescheidene Begrüßung zum Ortstermin, „nur mein Zuhause.“ Doch Tatsache ist: Diese vier Wände sind so viel mehr als das.

Zusammen mit ihren Eltern und der fünf Jahre jüngeren Schwester lebte Martina Kruck nur wenige Meter weiter. Mit 17 zog sie in ein kleines Apartment in der Nachbarschaft. Rund eineinhalb Jahre später folgte der Umzug in die, so Kruck, „ideal geschnittenen 58 Quadratmeter“, die sie bis heute bewohnt. „Zugegeben: Liebe auf den ersten Blick war es nicht“, lacht die gelernte Erzieherin, „denn die Wohnung war extrem verwohnt.“ Bezuschusst von der GEWOBA renovierten Martina und ihr damaliger Freund rund drei Monate jeden Raum von oben bis unten. Und das Ergebnis dieser Mühen kann sich bis heute sehen lassen!

DAS BAD ALS SPIEGEL ZUR SEELE

Gegenüber der Wohnungstür liegt das geräumige Wannenbad – beigefarben gefliest, mit dezentem Dekor. Von der Decke hängt eine filigrane Lampe mit leise klingenden Glas-Elementen. Accessoires aus Rattan-Geflecht, wie der runde Spiegel über dem Waschbecken sowie roséfarbene Badtextilien sorgen für Wohlgefühl pur. Im kommenden Jahr steht die Sanierung des Badezimmers an. Für Martina Kruck ein beinahe sentimentaler Moment: „Ich verstehe, dass Modernisierungen hin und wieder sein müssen. Aber Tatsache ist auch, der verspielt-romantische Look der Fünfzigerjahre passt viel besser zu mir als reines Weiß und kühle Hochglanz-Optik. Außerdem stecken hier so dermaßen viel Liebe und Arbeit in buchstäblich jeder Fuge. Ich werde wohl nie vergessen, wie ich in akribischer Fleißarbeit jede einzelne von ihnen weiß strich.“

Hier steckt so dermaßen viel Liebe und Arbeit in buchstäblich jeder Fuge. Ich werde wohl nie vergessen, wie ich in akribischer Fleißarbeit jede einzelne von ihnen weiß strich.

Martina Kruck

HERZSTÜCK: WOHNKÜCHE

Gegenüber des Tageslichtbades führt eine weitere Tür ins aktuelle Renovierungsprojekt: Nach dem Auszug von Sohn Danny soll hier ein Wohnzimmer entstehen. Doch eilig hat es Martina Kruck damit nicht, denn der eigentliche Mittelpunkt ihres Zuhauses ist ohnehin die Wohnküche, eingerichtet mit massiven Küchenmöbeln im Landhausstil. Die Wand gegenüber der Fensterfront: halbhoch mit hellem Holz verkleidet. Die Tapete darüber gestaltete die zum Einzug 19-jährige Martina in Wischtechnik.

In der Mitte des Raumes dient ein ovaler Esstisch, mit Platz für bis zu zehn Personen, als Anlaufstelle für Familie und Freunde.

Denn: Mittlerweile wohnen Eltern und Schwester im niedersächsischen Stuhr, Danny im Bremer Viertel. „Wie in alten Zeiten“ ist es nur noch am Esstisch von Martina Kruck. Hier wird geschnackt, gekocht und gegessen – am liebsten gute Bremer Hausmannskost oder leichte Gerichte der indischen oder thailändischen Küche.

VON DER POSENER INS GRÜNE

Ist sie allein, geht der Blick von ihrem Lieblingsplatz am Tisch hinaus ins Grüne – Inspiration pur für die naturverbundene Bremerin. Und so entwirft und fertigt Martina Kruck hier, in zum Teil wochenlanger Fleißarbeit, filigranen Perlenschmuck: Armbänder, Ringe und funkelnde Statement-Ketten. „Das Neuste ist, dass ich mir selbst das Nähen beibringe. Denn mein größter Traum ist ein eigener Laden, prall gefüllt mit meinen Entwürfen, modischen Upcycling-Projekten und Schmuckstücken.“ Bisher allerdings arbeitet sie in Vollzeit für die Jugendhilfe an der Oberschule Helgolander Straße. Dazu kommen Zumba- und Fitnessstunden beim TURA e. V. – dem Turn- und Rasensportverein Gröpelingen.

In ihrer seltenen Freizeit stehen Touren mit Inlinern oder Fahrrad auf dem Programm. Martina Kruck: „Das ist ein weiterer Vorteil der Posener Straße! Von hier aus bin ich ruckzuck am Waller Feldmarksee, fahre weiter bis ins Blockland. Das ist toll, um sich den Kopf nach einem stressigen Tag mal so richtig durchpusten zu lassen.“

Von hier aus bin ich ruckzuck am Waller Feldmarksee, fahre weiter bis ins Blockland. Das ist toll, um sich den Kopf nach einem stressigen Tag mal so richtig durchpusten zu lassen.

Martina Kruck

KLEINE FLUCHTEN

Entspannung zu Hause verbindet Martina Kruck mit einem heißen Bad und anschließendem Lesen oder Fernsehen im Bett. Der Weg ins helle Schlafzimmer führt vom rückwärtigen Teil der Küche aus durch einen kleinen Durchgangsraum. Martina Kruck: „Als Danny noch ein Baby war, schlief er in dem halben Raum, direkt neben meinem Schlafzimmer. Danach war es für lange Zeit ein Zimmer, das viele Funktionen erfüllen musste.

Derzeit entsteht hier ein Ankleidezimmer, von dem ich schon sehr lange träume.“ Erste Schritte in diese Richtung zeigen sich in Form eines halbhohen Fünfzigerjahre-Kleiderschranks samt gardinenverhangener Glastüren sowie durch ein offenes Schuhregal mit den modischen Schätzen der leidenschaftlichen Tanztrainerin. Das Schlafzimmer selbst spiegelt erneut die Liebe zum Landhausstil wider. Bettwäsche im Blumendekor ziert das metallene Doppelbett mit geschwungenem Kopf- und Fußteil. An der Wand darüber: gerahmte Erinnerungsfotos und Blumenbilder.

EIN STADTTEIL IM WANDEL

Aus dem Schlafzimmerfenster schweift der Blick von Martina Kruck über einen Gutteil der Posener Straße. Nach 45 Jahren kennt sie hier jeden Stein, trauert um jede Hecke und jeden alten Baum, der mit den Jahren weichen musste. Genauso, wie um die Veränderungen im Stadtteil. Martina Kruck: „Zu Zeiten der florierenden AG-Weser-Werft kamen die Menschen von überall her zum Flanieren auf der Lindenhofstraße, mit ihren Kinos, Kaufhäusern und Restaurants. Was geblieben ist, ist die Freundlichkeit und der Zusammenhalt in der Nachbarschaft.“

Eine weitere, feste Institution: GEWOBA-Hauswart Siggi Wolfram. Dass er nun zum Jahresende in den Ruhestand geht, kann sie sich kaum vorstellen. Er hatte Martina schon als Baby auf dem Arm, gehört quasi zur Familie und gilt als gute Seele der Straße. „Siggi ist für mich einer der Hauptgründe, warum die Fluktuation in den Wohnungen der Posener Straße nicht besonders hoch ist. Auch wenn natürlich nur die Wenigsten tatsächlich ihr ganzes Leben bleiben, so wie ich.“