Auf Zeitreise in die Vahr

Vor elf Jahren kam das Paar aus dem Bremer Umland in die Vahr. Genauer: ins Aalto-Hochhaus an der „Berliner-Freiheit“. Ein Schritt, von dem längst nicht nur die beiden, sondern ein ganzer Stadtteil profitiert. Zu Besuch bei den „guten Seelen“, Analog-Bloggern und Stadtteil-Chronisten Rolf und Erika Diehl.

Das Aalto-Hochhaus, das Wahrzeichen der Bremer Vahr, stellte zu seiner Fertigstellung im Jahr 1961 alles bisher Dagewesene in den Schatten. Buchstäblich. Denn bis in die 1970er galt der 65 Meter hohe, fächerförmige Bau, als höchstes Wohnhaus Deutschlands. Bei so vielen Bewohnern ist das Chaos vorprogrammiert – könnte man meinen. Doch betritt man das Foyer des imposanten Bauwerks unter Denkmalschutz, begibt man sich stattdessen auf eine spannende Zeitreise in die schlichte Eleganz der frühen Sechzigerjahre.

SIXTIES-CHARME MIT HERZ
Im Erdgeschoss des 189-Parteien-Hauses finden sich in die Wand eingelassene Postfächer für jede Wohneinheit, organisch geformte Säulen, dunkel gefliest, sowie ein kleines Büro hinter Glas – der Platz des hauseigenen „Concierge“.

Als versierter Reiseleiter fungiert Rolf Diehl (78), der hier gemeinsam mit seiner Frau Erika eine Wohnung im zweiten Obergeschoss bewohnt, indem er Führungen durch das Haus sowie Vorträge zum Sein und Werden des Vahrer Hochhauses anbietet. Und das: komplett ehrenamtlich. Warum? Um mit Vorurteilen um Stadtteil und Hochhaus endgültig aufzuräumen. Vorurteile, die die Diehls nur allzu gut kennen.

Die Grünflächen sind üppig bepflanzt und an vielen Ecken sorgt der alte Baumbestand für eine tolle Atmosphäre.

Erika Diehl

DIE VAHR? NIEMALS!
Nach Jahrzehnten im Bremer Umland zog es die ehemaligen Gastronomen im Jahr 2007 zurück nach Bremen. Und so starteten sie vom damaligen Wohnsitz in Brinkum aus, Erkundungstouren in die infrage kommenden Stadtteile. „Die Vahr? Niemals!“ Man kenne ja schließlich deren Ruf. Weiterhin auf der Liste der No-Gos: Hochhäuser! Doch schnell folgte die Ernüchterung: „In den allgemein beliebten Stadtteilen empfanden wir es für uns als zu eng und schmutzig oder schlicht nicht grün genug. Zudem schreckte uns das Parkchaos“, sagt Rolf Diehl. Während einer Fahrt durch Schwachhausen entschieden die beiden sich ganz spontan für einen Abstecher in die Vahr – und wurden entgegen ihrer Vorurteile eines Besseren belehrt. Erika Diehl: „Was uns besonders gefiel: Die Grünflächen sind üppig bepflanzt und an vielen Ecken sorgt der alte Baumbestand für eine tolle Atmosphäre. Zudem ist es sauber, aufgeräumt und deutlich weniger hektisch.“

WAS NICHT PASST, WIRD PASSEND GEMACHT
Nach diesem Aha-Erlebnis machten die Diehls Nägel mit Köpfen. Auf gezielte Nachfrage bei der GEWOBA empfahl man ihnen eine rund 60 Quadratmeter große Wohnung im Aalto-Hochhaus. „Nach kurzem Zögern ließen wir uns zu einer Besichtigung überreden, immerhin hatte uns der Stadtteil bereits positiv überrascht“, so der 78-Jährige. „Es war Markt und als meine Frau aus dem Fenster auf die bunten Stände herabschaute, sagte sie schlicht ‚Hier gehe ich nicht mehr weg!‘ und damit war das Ganze eigentlich beschlossene Sache. Lediglich die Frage, wie wir unsere Möbel in einer Wohnung ohne rechte Winkel unterbringen, hat mich noch einige Tage beschäftigt.“

Die Lösung: Ein befreundeter Tischler arbeitete einige Möbelstücke wie den massiven Esstisch und das Hingucker-Lowboard um. Von ihrem Sofa trennten sie sich ganz. Zwei schwarze, drehbare Ledersessel mit passendem Fußhocker laden seither zum Entspannen ein. Der Lieblingsplatz der Hausherrin ist und bleibt jedoch der am Fenster mit Blick auf den Marktplatz der „Berliner-Freiheit“. Am dort arrangierten Bistrotisch beobachtet sie das lebhafte Treiben rund um das Center, liest oder spielt Brettspiele mit ihrem Mann.

WIE ALLES BEGANN
Rolf Diehl kam 1956 aus Westfalen nach Bremen, als seine Eltern ein Speiselokal in der Bremer Neustadt übernahmen. Der Tag des Umzugs: sein 16. Geburtstag. Und wie es der Zufall wollte, feierte das Nachbarsmädchen, in das er am selben Abend im dunklen Hausflur stolperte, ebenfalls ihren 16. Geburtstag. Ihr Name: Erika.

Rund zwei Jahre später wurden die beiden ein Paar. Danach ging alles recht schnell. „Wir mussten heiraten“, raunt Rolf Diehl mit ernster Miene, bevor er schmunzelnd fortfährt, „wir hatten nämlich Aussicht auf eine Wohnung. Und die bekam man damals eben nur, wenn man verheiratet war.“ Gesagt, getan. Die beiden 20-Jährigen beantragten erfolgreich die vorzeitige Volljährigkeit und heirateten. Zwar wurde aus der Wohnung dann doch erst einmal nichts, aber nur wenig später bekam das Ehepaar Diehl die Chance zur Übernahme der Gastronomie des „Verein Vorwärts“. Später, von 1963 bis 1981, betrieben sie das Speiselokal „Zum Senator“ in Schwachhausen, das zuletzt als Restaurant Rolf Diehl unter den 100 besten Restaurants in Deutschland genannt wurde. Zudem führten sie nach eigener Aussage „Norddeutschlands größten Partyservice“, ein Feinkostgeschäft sowie den Packhauskeller im Schnoor.

Bis heute ist Kochen die Leidenschaft der beiden – am liebsten gemeinsam und besonders gern für Gäste. Dazu finden sich in der kleinen, hellen Küche unzählige Vorratsbehälter mit den verschiedensten Zutaten und Gewürzen aus aller Welt. An eisernen Ketten hängt eine Metallstange von der Decke, daran zahlreiche Pfannen und Töpfe in verschiedenen Größen und Ausführungen. Erika Diehl: „Am Wochenende stehen wir oft bereits ab dem frühen Nachmittag in der Küche und bereiten unser abendliches Menü vor. Daraus werden dann nicht selten bis zu vier Gänge.“

VOM SPIEL MIT KONTRASTEN
Kurzum: Die Diehls wohnen gerne praktisch, einfach – aber „atmosphärisch, warm“. Das gezielte Spiel mit Farben und Licht sei es, so Erika Diehl, das ihre Wohnung so besonders mache. Und: Kunst! Am liebsten in all ihren Facetten und so kontrastreich wie möglich. Und so finden sich bereits im Flur Linoldrucke von Hans Eisermann, eine pinkfarbene Neon-Lampe in Herzform sowie verschiedene Skulpturen.

Im großen Wohnraum hängt ein moderner Druck gegenüber von „Segelschiffen in rauer See“, einem antik anmutenden Ölbild im schweren Holzrahmen. In der Vitrine rechts davon ziehen die Miniaturen bekannter Designstücke die Blicke auf sich.

Rechts vom Fenster lässt ein breiter Spiegel über der Anrichte den Raum größer und offener erscheinen. Darunter: eine Einstein-Büste mit herausgestreckter Zunge, flankiert von zwei bunten Nana-Skulpturen.

AUS EINS MACH ZWEI
Eine Wand trennt den Wohn- vom Schlafbereich. Ursprünglich geplant waren die Apartments als Ein-Zimmer-Varianten, der große Wohnraum lediglich unterteilt mit einem Vorhang. Mit den Jahren wurde jedoch – vor allem in den größeren Wohnungen – immer häufiger eine Wand zwischen Wohn- und Schlafraum gezogen. So auch bei den Diehls. Doch ob mit Wand, oder ohne: Von der Wohnungstür aus öffnen sich die Apartments des Hochhauses trichterförmig bis zur großen Fensterfront. So wird das Optimum an Licht hereingelassen, entsprechend der Idee des Architekten Alvar Aalto – de facto ein ausgesprochener Gegner von Hochhäusern, weiß Rolf Diehl zu berichten.

Und so schließt sich der Kreis. Denn der Finne fühlte sich offenbar herausgefordert, ein Hochhaus zu entwerfen, das für dessen Bewohner keines ist. „Ein Gefühl wie Wohnen im Einfamilienhaus“, so das Ziel. Rolf Diehl: „Während Neubauten bekanntermaßen oft viel zu hellhörig sind, bekommt man hier von den Nachbarn so gut wie gar nichts mit. Es ist wunderbar ruhig und jeder ist zu Einhundertprozent für sich.“ Und so verschwindet man schon an der Wohnungstür ins Private. Das, so Diehl, habe sich Aalto gedacht, als er entschied, die Wohnungstüren in den Hausfluren in kleine Nischen zurückweichen zu lassen.

VAHR-REPORTER MIT LEIDENSCHAFT
Die Fensterfronten mit Loggia sind allesamt nach Westen ausgerichtet – aus den oberen Etagen blickt man in Richtung Innenstadt und Weserstadion, der Panoramablick vom Dach aus: unbezahlbar! Und eben dies spricht sich herum – nicht nur bei Fans und Studenten der Architektur. Und so führten die Diehls in den vergangenen Jahren bereits über 1.000 interessierte Besucher aus aller Welt durch das Gebäude, ihre Wohnung und bis auf besagtes Dach des denkmalgeschützten Hochhauses – nach vorheriger Anmeldung oder ganz spontan. Zu diesem Zweck findet sich im Hausflur des zweiten OG mittlerweile sogar eine Art Dauerausstellung mit Fotos aus Flora und Fauna der Vahr sowie zur Geschichte aus 60 Jahren Aalto-Hochhaus.

Die Vahr ist ein besonderer Stadtteil, ruhig, gepflegt, kulturell bunt gemischt und lebendig. Und das soll endlich jeder wissen!

Rolf und Erika Diehl

Wahrscheinlich verbringt wohl kein Mensch so viel Zeit in seinem Abstellraum, wie Rolf Diehl. Dort nämlich entsteht der „VAHReport“, ein 14-tägiges TV-Format, das Erika und Rolf Diehl im Jahr 2009 ins Leben riefen und seither ehrenamtlich betreiben. Die Ausstrahlung läuft über Radio Weser.TV. Das dazugehörige Studio befindet sich im Keller des Aalto-Baus. Doch damit nicht genug – zusätzlich zur Produktion der Fernsehsendung schrieb Rolf Diehl das Buch „Die Bremer Vahr“ (Kellner Verlag), das bereits in zweiter Auflage veröffentlicht wurde, und pflegt die Webseite www.vahreport.de – mit rund 40.000 archivierten Fotos sowie einem Veranstaltungs- und Terminkalender des Stadtteils. Die Frage, woher Rolf und Erika Diehl die Energie nehmen, über 200 Stunden pro Monat in dieses Projekt zu stecken, bringt die Augen der beiden zum Strahlen, zufrieden lächelnd schauen sie sich an und resümieren: „Die Vahr ist ein besonderer Stadtteil, ruhig, gepflegt, kulturell bunt gemischt und lebendig. Und das soll endlich jeder wissen!“