„Die Vielfalt hier ist Inspiration pur und eine echte Bereicherung.“

Seit dessen Gründung im Jahr 1989 ist das Mütterzentrum Osterholz-Tenever e. V. oft erste Anlaufstelle für eingewanderte, geflüchtete sowie auch deutsche Familien im Umkreis.
Im Gespräch mit dem GEWOBA Magazin erzählen die engagierten Geschäftsführerinnen Damaris Wedemeyer und Maria Beugel, worum es ihnen geht.

Als Geschäftsführerinnen leiten Sie beide seit Mai 2021 in Doppelspitze das Mütterzentrum Tenever. Welchen Eindruck haben Sie seither von dem Wirken Ihrer Arbeit gewinnen können?
Maria Beugel: Es gibt kaum einen Tag, der nicht zeigt, wie wichtig es ist, was wir hier tun. Zum Beispiel gibt es immer wieder Momente während einer Beratung, wenn offensichtlich wird, welche Last von den Frauen fällt, wenn wir Wege, Hilfen und somit echte Perspektiven aufzeigen.

Damaris Wedemeyer: Das Mütterzentrum wird für viele zur zweiten Familie. Es entstehen Freundschaften, die zum Teil bereits über Jahrzehnte bestehen. Und wer die Zeit hier als echte Bereicherung erlebte, möchte anschließend etwas zurückgeben. Auch darum besteht unser Team aus mittlerweile rund 100 Mitarbeitenden – viele von ihnen ehemalige Nutzer:innen.

Worum geht es bei Ihrer Arbeit konkret?
Beugel: Übergeordnetes Ziel ist, die Frauen in Arbeit zu bringen. Das stärkt die Frauen und verbessert grundlegend die Situation der jeweiligen Familie. Auf dem Weg dorthin geht es um das Ankommen, soziale Kontakte außerhalb der Familie, das Erkennen der eigenen Potenziale und den Ausbau von Fähigkeiten wie der Sprache. Unsere unterschiedlichen Angebote – wie beispielsweise die Cafés und Frauengruppen – fördern ganz konkret den Kontakt zu anderen Menschen und anderen Kulturen.

Wie genau unterstützen Sie diesen Prozess?
Wedemeyer: Zunächst einmal sind wir ein offenes Haus und bieten verschiedene niederschwellige Beratungs- und Kursangebote wie zum Beispiel unsere Sprach- und Kulturcafés. Neben einem Schwerpunkt in der beruflichen Orientierung geht es vor allem um Alltagsbewältigung, Hilfe rund um das Jobcenter und die Beantwortung der Fragen von „Was ist der Gelbe Sack?“ über „Wie funktioniert die Kita-Anmeldung?“ bis zu „Welche Rechte habe ich hier?“.

Wie genau finanziert sich die Arbeit des Mütterzentrums?
Beugel: Als gemeinnütziger Verein finanzieren wir uns durch Mitgliedsbeiträge und Spenden sowie aus öffentlichen Fördertöpfen, wie zum Beispiel dem Europäischen Sozialfonds. Darüber hinaus begleiten uns langjährige Sponsoren, die sich unserer Sache verbunden fühlen und uns je nach Bedarf mit konkreten Sach- oder Geldspenden unterstützen. Und das oft sogar „über Nacht“– dafür sind wir unendlich dankbar.

Natürlich geht es bei uns längst nicht (mehr) nur um Mütter: Wir machen Frauen & Familien stark!

Maria Beugel, Geschäftsführerin

Wann waren Sie zuletzt auf eine solche Spontan-Aktion angewiesen?
Wedemeyer: Zuletzt fiel bei einer Frau, die schon lange ins Mütterzentrum kommt, die Waschmaschine aus. Es musste eine neue her, doch es war kein Geld da. Im Kreis unserer Sponsoren gibt es glücklicherweise Stiftungen, die genau solche Einzelförderungen durchführen möchten. So konnte in diesem Fall schnell und unbürokratisch geholfen werden.

Was benötigen Sie aktuell besonders dringend?
Beugel: Zunächst einmal brauchen wir dringend sehr viel mehr Platz, um Gruppen und Kurse entsprechend der steigenden Nachfrage anbieten zu können. Und genau so dringend: ein Auto, mit dem unsere Haustechnik die verschiedenen Standorte erreicht und unsere Caterings ausliefert! Unseres pfeift aus dem letzten Loch und wird wohl bald den Geist aufgeben. Ein weiterer großer Wunsch ist die längst überfällige Renovierung unserer Räumlichkeiten und ein Upgrade unserer Ausstattung. Eigentlich Selbstverständliches, das jedoch immer wieder vor drängenderen Anliegen zurückstehen muss.

Wedemeyer: Nötig wäre darüber hinaus ein Pool an Freiwilligen im Stadtteil, die uns zum Beispiel beim Abholen gespendeter Lebensmittel unterstützen. Wir suchen händeringend Unternehmen, die unseren Frauen Möglichkeiten für durch uns begleitete Praktika böten. Diese Liste ließe sich jetzt beinahe endlos fortsetzen. Tatsache ist: Wir brauchen mehr von allem – um mehr für die Menschen in Tenever zu erreichen.

Gibt es konkrete Pläne für das laufende Jahr? Was steht bei Ihnen als Nächstes auf der Agenda?
Wedemeyer: Mit jeder Frau, Mutter und Familie ist das Mütterzentrum gewachsen. Wir entwickeln uns auf Grundlage der individuellen Bedarfe im Stadtteil weiter. Woran wir gerade arbeiten, ist die Entwicklung eines konkreten Fahrplans, der die unterschiedlichen Stationen ab der ersten Beratung aufzeigt. Er soll verdeutlichen, wen wir wie und in welcher Lebenslage unterstützen und wohin die Reise geht.

Und die geht wohin?
Beugel: In eine selbstbestimmte Zukunft, raus aus Armut und Benachteiligung. Hin zu echter Teilhabe! Toll wäre es – und daran arbeiten wir, wenn unser Wirken langfristig dazu beiträgt, dass die Menschen die vorhandene Lebensqualität und den friedlich-bunten Mix aus rund 90 Nationen in Tenever sehen – nicht den problembehafteten Brennpunkt. Tatsache ist, die Menschen, denen wir hier Tag für Tag begegnen, sind Inspiration pur und eine spürbare Bereicherung für unsere Gesellschaft, Bremen und das Leben unendlich vieler Menschen. Jede:r verdient eine echte Chance!

Zum Hintergrund

Im Jahr 1985 gegründet, finden sich unter dem Dach des Bundesverbandes der Mütterzentren e. V. derzeit deutschlandweit rund 400 Mütterzentren. Allen gemeinsam ist die Funktion als „öffentliches Wohnzimmer“ und das Erschaffen eines Ortes der Begegnung, Stärkung und des Vertrauens. Wie sich die Mütterzentren entwickeln, entscheiden diejenigen, die sie mit Leben füllen. Das heißt: Die Angebote entstehen jeweils aus den individuellen Bedarfen vor Ort.

Mehr dazu:
www.muetterzentren-bv.de

Kontakt und Infos
Verwaltung:
verwaltung@muetterzentrum-tenever.de
Tel.: 0421 42 40 96
Otto-Brenner-Allee 44/46, 28325 Bremen
www.muetterzentrum-tenever.de
Eine Vereinsmitgliedschaft im Mütterzentrum Osterholz-Tenever e. V. ist bereits ab einem Monatsbeitrag von 2,50 Euro möglich.