Kunst, Kinder, Kooperation

Jedes Jahr erobern Bremer Kinder aus allen Stadtteilen die Weserburg auf dem Bremer Teerhof für sich. Das Museum für moderne Kunst stellt bereits zum vierten Male der gemeinnützigen Kultur-Einrichtung „Quartier“ für mehrere Monate seine Räume zur Verfügung. Mehr als 500 Kinder und Jugendliche machen bei dem Kooperationsprojekt mit und erleben dabei Kunst mit großer Begeisterung. Gemeinsam mit professionellen Künstlern erarbeiten die jungen Teilnehmer in verschiedenen Werkstätten von Tenever über Huchting bis nach Kattenturm und Blumenthal ihre eigenen Kunstwerke - ausgehend von der jeweils aktuellen Weserburg-Ausstellung. Zum Abschluss werden unter der Schirmherrschaft des Bremer Bürgermeisters alle Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt.

2018 lautete das Thema „Was Bilder erzählen“ und zeigte von Januar bis März wieder eine beeindruckende Werkschau. Knallbunte Schmetterlingsbilder, Maskeraden, plastische Objekte, Schattenrisse, bedruckte Traumkissen, Fingerprints und heldenhafte Knetfiguren waren zu sehen. Dazu wollten wir mehr erfahren.
Nach dem Besuch der Finissage sprachen wir mit Peter Friese, Andrea Siamis und Manfred Sydow über diese kreativen Früchte ihrer Zusammenarbeit.

Wie funktioniert so ein großes stadtweites Kinderkulturprojekt und wer ist mit dabei?

Andrea Siamis, Projektleiterin: „Quartier“ setzt sich seit 25 Jahren für kulturelle Bildung und soziale Teilhabe in allen Bremer Stadtteilen ein. Wir organisieren kulturelle Aktivitäten dort, wo die Menschen leben, vor allem in den sogenannten sozialen Brennpunkten, wo der Zugang zu Kunst und Kultur in den Familien nicht unbedingt selbstverständlich ist. Wir vernetzen Kulturschaffende vor Ort mit den traditionellen Institutionen im Stadtzentrum. Künstler arbeiten mit Laien zusammen und lernen voneinander. Dabei setzen wir uns ganz besonders intensiv für Kinder ein. Projekte von „Quartier“ werden gefördert aus verschiedenen Töpfen. Das sind Mittel von den senatorischen Behörden, aus den Stadtteilbeiräten und dem Programm „WiN – Wohnen in Nachbarschaften“ sowie auch von Bremer Unternehmen. So können wir jeweils für eine Projektlaufzeit den Transfer aus den Quartieren in ein Kunst-Museum und umgekehrt gewährleisten. Diese Struktur bietet Möglichkeiten, sprachliche, finanzielle und gesellschaftliche Grenzen zu überwinden.

Kinder haben keine Berührungsängste mit Kunst.

Andrea Siamis, Projektleiterin

Ist denn ein Museum für moderne Kunst für Kinder geeignet?

Siamis: Die Projekte beweisen, dass Kinder keine Berührungsängste zeigen, in der Weserburg liegen sie bäuchlings auf dem Boden, zwischen Popart-Gemälden und bizarrer Objektkunst zeichnen sie unbeirrt ihr ausgewähltes Kunstwerk ab. Hochwertige Kunst wird zum faszinierenden Vorbild für die Kids und sie entdecken individuelle Details, die Erwachsene gar nicht sehen. Dabei hilft eine kindgerechte und altersentsprechende Kunstpädagogik.

Peter Friese, Direktor der Weserburg: Museen haben einen gesellschaftlich verankerten Bildungsauftrag, zweifellos muss auch ein Museum für Gegenwartskunst diesen voll übernehmen. Die Weserburg ist kein Elfenbeinturm, Kunst ist für alle da. Das Quartier-Kinderkulturprojekt ist mittlerweile zum unentbehrlichen Bestandteil in unserem Jahresprogramm geworden. Gleichzeitig ist es eine wertvolle Chance für uns, denn wir haben eine emanzipatorische Vorstellung von Kunstvermittlung. Mit dem Projekt können wir Kindergruppen vom Stadtrand in die City holen, um Kunst auf ihre Weise spielerisch zu entdecken. Wenn es wie in unserer aktuellen Ausstellung „Proof of Life/Lebenszeichen“ um Tod, Leben und Glauben geht, erhalten auch schon Kinder die Gelegenheit, sich mit solchen wichtigen Themen zu beschäftigen.

Manfred Sydow, GEWOBA-Vorstand: Die Museen sollten gerade für Kinder und Jugendliche wieder ein Ort für prägende Erlebnisse sein. Schauen Sie sich mal das Rahmenprogramm, die Mitmachangebote an, damit wird ein Museum für Kinder zugänglich und „normal“ und stellt einen Erlebnisort dar. Hier besuchen anschließend Familien und Freunde die öffentliche Präsentation und können stolz auf ihren Nachwuchs sein. Auch kommen durch dieses Projekt viele Menschen unterschiedlicher sozialer Prägung und aus vielen Kulturen zusammen, um sich mit Kunst, Kreativität und individueller Sichtweise auseinanderzusetzen.

Die Weserburg ist kein Elfenbeinturm und offen für Kinder.

Peter Friese, Direktor der Weserburg

Warum engagiert sich die GEWOBA?

Sydow: Kunst- und Kulturförderung sollte für Unternehmen selbstverständlich sein. Junge Menschen zu unterstützen, ihnen Zukunftsperspektiven aufzuzeigen, gehört zu den zentralen Aufgaben unserer Gesellschaft. Unser Augenmerk gilt dabei insbesondere den Kindern in unseren Quartieren. Begegnungen mit Künstlern und die Förderung eigener kreativer Fähigkeiten können dabei entscheidende Wegbereiter sein und bieten eine Basis, um Fantasie und schöpferisches Potenzial zu wecken. Denn Kreativität und offenes Herangehen an komplexe Aufgabenstellungen sind heutzutage wichtiger denn je. Deshalb unterstützt die GEWOBA das Quartier-Projekt jährlich mit rund 13.000 Euro. Davon werden beispielsweise künstlerische Utensilien und Fahrtkosten für die Schulklassen bezahlt, damit diese möglichst viel Zeit im Museum Weserburg verbringen können.

Wie erleben die Künstlerinnen und Künstler die Arbeit mit den Kindern?

Siamis: Das gemeinsame Arbeiten mit einem „echten“ Künstler in einem „richtigen“ Atelier ist für die Kids ein erlebbarer Genuss und inspiriert zum eigenen Tun. Die Werkstätten laufen über drei Monate und finden außerhalb der Schulstunden statt, alle Projektideen und Lernformen sind gleichberechtigt. Dort entstehen ästhetische Prozesse spielerisch, so wird Jugend frühzeitig an Kunst herangeführt. Schon Dreijährige sind dabei, manche Kinder haben noch nie auf weißem Zeichenpapier gemalt und besitzen zu Hause keinen Bleistift. Deshalb wird auch vermeintliches „Gekritzel“ als einmaliges Exponat eingerahmt und präsentiert. Für die Künstler sind das intensive Erfahrungen, zudem wird ihr Beruf ernst genommen.

Was bedeutet der Zugang zu Kunst und Kultur für Bremer Schulkinder?

Friese: Kinder und Familien gehen ganz unbefangen mit renommierten Kunstausstellungen um, haben einfach Lust auf Kunst und sind aufgeschlossen und neugierig dem Leben gegenüber. Deshalb ist es auch wünschenswert, das Projekt weiterzuführen. Evaluieren kann man das erst in der Zukunft. Selbst wenn vielleicht nur einzelne dieser Kinder später etwas Künstlerisches machen wollen, oder im Idealfall sogar Kunst studieren, die heutige Förderung zahlt sich auf jeden Fall aus und wirkt im späteren Leben positiv!

Kunst bringt Menschen aller Kulturen zusammen.

Manfred Sydow, GEWOBA-Vorstand

Sydow: Was die Menschen schätzen, das schützen sie! Frei nach diesem Prinzip gilt es, die wunderbaren Museen in Bremen zu fördern. In einer Zeit, in der Fernsehen und Internet uns mit Reizen überfluten, sind Museen freundliche Orte der Ruhe und Inspiration.

www.quartier-bremen.de
www.weserburg.de
www.kulturkids.wixsite.com/kulturkids