Unter einem Dach – die Wohnfamilie

Gemeinschaftliches Wohnen: Im Bremer Punkt ist eine inklusive Hausgemeinschaft eingezogen.
Das Vorstellen beim Nachbarn steht in der Abfolge eines Umzugs oft ganz hinten. Erstmal sollen die Möbel stehen. Beim Wohnprojekt im Bremer Punkt hatte der gute Draht Priorität. Die Bewerber fanden sich als Gruppe und wuchsen ein Jahr zu einer Gemeinschaft zusammen. Heute leben sie unter einem Dach mit dem Anspruch, mehr als nur Nachbarn zu sein.

Es klingelt häufig bei Vera und Günther Runken. Obwohl die Senioren erst im Februar von Aumund in die Hinrich-Fehrs-Straße gezogen sind, haben sie bereits Anschluss gefunden. Ein Schuh verhindert, dass die Haustür ins Schloss fällt und signalisiert: „Eintreten erwünscht.“ Das Paar hat sich nicht für eine gewöhnliche Wohnung entschieden, sondern für eine inklusive Hausgemeinschaft. Seitdem ist die gute Stube oft belebt, denn einer von den acht Nachbarn möchte garantiert Gesellschaft beim Mittagessen, braucht Hilfe beim Gemüseschneiden oder beim Lampenkauf. „Bei uns ist immer etwas los“, strahlt Vera Runken und schenkt Kaffee nach. An der Tafel im Esszimmer finden alle Platz. Auch Jochen Bieber schiebt seinen Rollator problemlos durch die breiten Türen und lässt sich im Korbsessel nieder. Gitte Garbade, Helga Beiß und Rainer Krause waren früher über den Martinsclub in Zimmern untergebracht. „Das war lange nicht so gemütlich und ziemlich laut“, erinnert sich Beiß. Das Kooperationsprojekt zwischen Martinsclub und GEWOBA macht möglich, dass sich auch Menschen mit Beeinträchtigungen für das Wohnexperiment bewerben konnten. Nötige Kriterien waren: Neugier, Offenheit und ein Wohnberechtigungsschein.

Wachsende Gemeinschaft
Im Runkenschen Esszimmer leeren sich die Keksteller und Kaffeetassen, während Ideen ausgetauscht werden, denn die Terrassen sollen bepflanzt werden. Sträucher, Rosen oder Gemüse?Hochbeete wären eine gute Lösung, damit auch Jochen die Hände in die Erde stecken kann. Konsens erscheint in dieser Gruppe kinderleicht.

Dass die Chemie stimmt, beruht auf Sympathie – und perfekter Vorbereitung. Die GEWOBA und der Kooperationspartner Martinsclub sorgten bereits vorm Einzug für Beratung und Konflikttraining. Ein „Kümmerer“ aus der Gruppe vermittelt im Ernstfall. Einmal im Monat treffen sich alle. Die großzügige Drei-Zimmer-Wohnung der Runkens im Erdgeschoss bietet mit den einladenden Sofas viel Platz. Doch die Zwei-Zimmer-Apartments stehen in Sachen Gemütlichkeit in nichts nach.

Alle unter einem Dach
Wenn Filimon Mehari einlädt, duftet es bis vor die Tür. Exotische Gewürze und ein heimelig-vertrauter Geruch steigen in die Nase. „Filimon röstet Kaffee selbst. Das schmeckt wunderbar. Wir haben viel über die Kaffeekultur in seiner Heimat gelernt“, schwärmt Vera Runken über die kulinarischen Künste des Eritreers, der mit 21 Jahren der Jüngste ist. „Das Trinken einer Tasse Kaffee dauert in Eritrea eine Stunde, obwohl wir nur sehr kleine Tassen benutzen.“ Der junge Mann lächelt noch etwas schüchtern, genießt aber das Leben in der Gemeinschaft. „Ich bin es gewohnt, mit der ganzen Familie zusammenzuwohnen. Hier fühlt es sich ähnlich an.“

Ungewohnt hingegen war für alle die Wohnungssuche. Die Runkens stöberten in den Anzeigen, Interesse weckte jedoch der Zeitungsaufruf von Renate Andreas, die Mitstreiter für das Hausexperiment der GEWOBA suchte. „Das hat uns sofort interessiert. Wir wollten in die Stadt ziehen und näher am Leben sein. Außerdem wohnt unsere Tochter mit den Enkelkindern auch in Bremen“, sagt Günther Runken. Wer will schon im Alter allein sein? Das dachte sich auch die Erstbewerberin Renate Andreas. Kochabende, Ausflüge, mehr Kontakt als zu normalen Nachbarn und dennoch einen Rückzugsort hatte sie im Sinn. Das traf sich gut, denn Jochen Bieber hatte den Aufruf ebenfalls gelesen: „Ich schrieb spontan auf, wie das Zusammenleben funktionieren könnte“, erzählt der Neustädter, der im Bremer Punkt ideale Bedingungen fand. „Ich fühle mich sicher“, bringt es der 66-Jährige, der auf den Rollator angewiesen ist, auf den Punkt. Seine Ideen sind die Grundpfeiler des gemeinsamen Konzepts, in dem Geduld, Unterstützung, Respekt, Toleranz und Empathie ausschlaggebend sind. Das Wort GURTE ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben dieser Begriffe. Es drückt bildlich aus, worum es geht.

Ein Würfel, der punktet
„Seid ihr damit einverstanden, dass BuLe an der Fassade stehen wird?“, fragt Renate Andreas und deutet auf einen Entwurf. Die Bezeichnung stammt von der 61-Jährigen und bedeutet „Buntes Leben“. Zustimmendes Gemurmel und Nicken kommt aus der Runde. Aufbruchsgeist und Schaffensdrang sind zu spüren, während die Pflanzpläne reihum gereicht werden. „Jeder bringt sich mit ein – mit verschiedenen Talenten. So wachsen wir zusammen“, meint Günther Runken. Wer nicht pflanzen kann, der schreibt, kocht, häkelt, heimwerkt oder hütet den Leihhund. Nicht nur die Nachbarschaft sitzt bei den Runkens im Wohnzimmer, das den Charme eines dänischen Landhauses versprüht, auch der Nachwuchs tobt regelmäßig durchs Haus. Neueste Anschaffung ist die Infotafel. Auf einen Blick sieht jeder, wann die nächste Gruppensitzung ansteht und wer verreist ist. „Wer nicht gesehen wird, bei dem klingeln wir und fragen, ob alles in Ordnung ist. Aber natürlich hat jeder seinen Rückzugsbereich“, erklärt Siglinde Schröder, die ebenfalls aus Aumund in den würfelförmigen Holzbau gezogen ist. Dieser punktet übrigens dank Photovoltaik und Luft-Wasser-Wärme-Pumpe mit einem geringen Energieverbrauch.

Ideale Raumaufteilung
Von den fast bodentiefen großen Fenstern, breiten Türen und Loggien beziehungsweise Terrassen im Erdgeschoss profitieren alle Bewohner. Der 38-jährige Jörg Suwalski ist begeistert von seinem Drei-Zimmer-Apartment. Grün-weiße Farbgebung lassen ahnen, wofür er brennt: „Ich mag Werder.“ Eifrig brütet er über einem Spielplan und will bald mit Günther vor der Mattscheibe fiebern. Helga Beiß und Rainer Krause teilen sich die Drei-Zimmer-Wohnung, die beiden haben sich jüngst verlobt. Jeder hat sein Reich gestaltet. Neben einem bequemen Ohrensessel steht in Beiß‘ Zimmer ein Korb mit Wolle. „Handarbeiten mache ich sehr gerne.“ Worüber sie sich jeden Tag freut? „Dass ich den Sonnenaufgang sehen kann.“ Renate Andreas begeistert sich für das geräumige barrierefreie Bad mit Dusche. Möbel, Waschmaschine und ein Wäscheständer haben Platz. „Sehr praktisch ist auch die kleine Abstellkammer neben der offenen Küche.“

Das Wohnküchenkonzept war neu für die Runkens, tauschen wollen sie nicht mehr. Wenn die Familie da ist und sich im Wohnzimmer unter dem antiken Kronleuchter versammelt, versäumt Vera Runken keine Unterhaltung, während sie das Essen kocht. Geradezu ins Schwärmen kommt sie über die Fußbodenheizung und das pflegeleichte Klick-Laminat. So darf auch mal eine Tasse umkippen, ohne dass Schäden bleiben. Klemmt doch irgendwo mal eine Tür, kriegt das Günther Runken schnell mit. „Es fühlt sich schon ein wenig wie ein Eigenheim an, ich fühle mich verantwortlich und gebraucht. Das ist sehr schön.“