„Wer mitmachen will, kommt einfach rein!“

Das GEWOBA-Hochhaus in der Bremerhavener Hans-Böckler-Straße zählt stattliche 14 Etagen und 126 Klingelschilder.
Das Erdgeschoss wird komplett eingenommen vom Kinderprojekt Sonnenblume e. V., zu dem neben einer Kinderwohnung auch ein Secondhandshop gehört. Die separaten Eingänge zu Kleiderbörse und Kinderwohnung befinden sich an der Rückseite des Hauses. Hinter der gläsernen Tür zur „Sonnenblume“ erwarten uns eine bunte Garderobe, zahlreiche Schulranzen, Jacken und Schuhpaare sowie ein fröhlich grinsender, schwarz gelockter Junge. „Hallo! Wer bist du denn?“ – der etwa Achtjährige streckt uns strahlend die Hand entgegen. „Ich bin auf dem Weg zum Klo, aber du gehst am besten da lang. Da geht’s zu Conny!"

„Conny“, das ist Cornelia Rönnefahrt, Initiatorin, Chefin und 1. Vorsitzende des „Sonnenblume e. V.“, ein Projekt, das in diesem Jahr zehnjähriges Bestehen feiert. Die Idee zur „Sonnenblume“ hatte die ehemalige Stadtverordnete im Jahr 2008, nach langjähriger Tätigkeit im „Ausschuss Jugend“. Cornelia Rönnefahrt erzählt: „Ich wollte nicht länger nur reden, sondern handeln.Denn nur davon haben die Kinder tatsächlich etwas.“ Nach Gesprächen mit den GEWOBA-Verantwortlichen ergab sich die Möglichkeit zur Übernahme von gleich zwei frei gewordenen, gegenüberliegenden Arztpraxen im Bremerhavener Stadtteil Leherheide, die der eigenständige, neu gegründete Verein am 1. April 2009 bezog. Mittlerweile steuert Cornelia „Conny“ Rönnefahrt hier ein rund 25-köpfiges Team – vier Mitarbeiter sind inzwischen sogar fest angestellt.

Gutes Essen & feste Regeln!

Die rund 40 Kinder, die sich hier täglich tummeln, sind zwischen sechs und 14 Jahre alt. Die meisten kommen gleich nach der Schule. Nach der Hausaufgabenbetreuung wird gegessen. Aus der hellen, sauberen Küche strömt bereits ein verlockender Geruch nach Spaghetti Bolognese. Cornelia Rönnefahrt: „Viele der Kinder nehmen bei uns die erste Mahlzeit des Tages zu sich. Daher ist es uns extrem wichtig, dass unser Essensplan ausgewogen ist und die Mahlzeiten täglich frisch zubereitet werden.“ Genauso wichtig sind der ehemaligen Finanz- und Lohnbuchhalterin gute Tischmanieren sowie feste Abläufe und Regeln, denn die böten Orientierung und erleichtern das Miteinander. So sind beispielsweise Handys und Süßigkeiten in der Kinderwohnung verboten, Gewalt wird nicht toleriert, Streitigkeiten werden möglichst sofort – mit Worten! – geklärt. Doch das Wichtigste: Alle sind willkommen! Wer mitmachen will, kommt einfach rein. Ohne Anmeldung, ohne Papierkram. Und komplett kostenfrei.

Frank Pusch

Ich wollte nicht länger nur reden, sondern handeln. Denn nur davon haben die Kinder tatsächlich etwas.

Cornelia Rönnefahrt

Gegenüber von Connys Büro liegen zwei große Räume mit Tischgruppen zum gemeinsamen Essen und Spielen. An der Wand: übergroße, handgemalte Sonnenblumen und Regale mit zahlreichen Büchern und Gesellschaftsspielen. Ein ehemaliger Lagerraum dient als Austragungsort lautstarker Kicker-Turniere. Hinter dem nächsten Türrahmen stecken zwei etwa siebenjährige Mädchen auf einem schwarzen Ledersofa die Köpfe kichernd in ein Märchenbuch. Gegenüber wird gebastelt und gemalt. Ein separater Raum mit vier PC-Arbeitsplätzen dient der Hausaufgabenbetreuung, individueller Nachhilfe, Sprachförderung und für Computer-Workshops. Bei gutem Wetter sind die Kinder danach natürlich am liebsten draußen. Gegenüber dem Eingang zur „Sonnenblume“ erstreckt sich eine große Rasenfläche zum Rennen, Toben und Bolzen. In dessen Mitte: der „Naschgarten“, angelegt im Jahr 2016 – mit tatkräftiger Unterstützung vieler GEWOBA-Mitarbeiter. Nomen est omen naschen die Kinder hier buchstäblich die Früchte ihrer Arbeit: Beeren, Küchenkräuter und selbst gezogenes Gemüse. Ein Zaun schützt die Pflanzen vor Fehlschüssen der fußballbegeisterten Kids & Teens.

Sonnenblume macht Schule

Finanziert wird das alles durch die Einnahmen der „Kleiderbörse“ sowie durch private Spenden. Letztere kommen aus den verschiedensten Wirtschaftszweigen im Land Bremen – vom Großunternehmen bis hin zu lokalen Händlern, kleinen Dienstleistern und Privatpersonen. Zudem stehen die 170 Quadratmeter im Erdgeschoss des Hochhauses dem Projekt mietfrei zur Verfügung. Unbezahlbar: der Zusammenhalt im Haus! Cornelia Rönnefahrt erzählt, „wenn wir am Wochenende arbeiten, die Kinderwohnung putzen oder Ausflüge planen, bekommen wir von den Bewohnern oft sogar ein Mittagessen gebracht.“

Die Leherheide gilt als „Brennpunkt“, ein Wort, dass die Sonnenblume-Initiatorin so gar nicht mag. Denn: „Es schürt Vorurteile. Und die spiegeln in keiner Weise, was wir hier täglich (er)leben. Armut – ja, aber auch Nächstenliebe, Zusammenhalt und lautes Kinderlachen. Und genau dafür kämpfen wir seit nunmehr zehn Jahren.“ Und das – mit Erfolg! Vor allem die konsequente Hausaufgabenbetreuung trägt reichlich Früchte, berichtet die 69-Jährige nicht ohne Stolz: „Längst hat es sich herumgesprochen, dass die Sonnenblumen-Kinder immer ihre Hausaufgaben haben, gut lesen und schreiben.“ Das bisher größte Lob: Aus Dankbarkeit für die gute Arbeit des Kinderprojektes bat eine Lehrerin der Friederich-Ebert-Schule die Gäste zur Feier ihrer silbernen Hochzeit um Spenden für den „Sonnenblume e. V.“ – statt Geschenken. „Ich freue mich unwahrscheinlich, dass gesehen wird, was wir tun! Unser Ziel sind gleiche Chancen – für alle Kinder!“, so Cornelia Rönnefahrt. „Und das geht eben nur mit der stabilen Grundlage guter Bildung.“ Was sich so ernst anhört, macht den Kindern zum Glück einen Riesenspaß. Denn jedes Spiel, jeder Ausflug sind eine Chance zum Dazulernen. Und so spielen die Kinder „Stadt-Land-Fluss“ statt Erdkundeunterricht und lernen während eines Ausflugs an die Nordsee alles Wichtige zum Thema Ebbe und Flut.

„Der ewige Kreis“

Zu den absoluten Highlights des Jahres gehören für die Kinder aber die Ausflüge zu den Basketball-Spielen der „Eisbären Bremerhaven“, die Feier des Sonnenblumen-Karnevals oder die einwöchige Sommerferien-Freizeit für 25 Kinder. In diesem Jahr geht es auf die Insel Fehmarn. Ein Geschenk der GEWOBA zum zehnjährigen Bestehen. Unter dem Motto „Mein schönstes Ferienerlebnis“ werden Zeichnungen der Kinder im Anschluss auf Leinwand gebannt und im Rahmen einer Kinder-Kunst-Ausstellung präsentiert. Cornelia Rönnefahrt: „Mit Einladungen zu Aktionen wie dieser oder zur traditionellen Weihnachtsfeier, wollen wir und die Kinder etwas zurückgeben – an all jene, die uns tatkräftig, ideell und finanziell unterstützen.“

Sinan ist der große Bruder unserer Sonnenblümchen, der mit gutem Beispiel vorangeht und etwas aus sich macht.
Dabei vergisst er aber nie, woher er kommt. Allein darauf bin ich unendlich stolz.

Cornelia Rönnefahrt

Ein Credo, das auch Sinan (21) längst verinnerlicht hat. Der Auszubildende zum Fußbodenleger kam als Zehnjähriger erstmals in die Sonnenblume. Als Teenie kämpfte er sich hier von einem Fünfer-Schnitt zum glatten Zweier im Abschlusszeugnis der Hauptschule. Heute ist er im letzten Ausbildungsjahr, hat bisher keinen Tag gefehlt. Im Gegenteil. In den Wochen mit Blockunterricht kommt er nahezu täglich, um in der Sonnenblume auszuhelfen.

Cornelia Rönnefahrt: „Sinan ist der große Bruder unserer Sonnenblümchen, der mit gutem Beispiel vorangeht – etwas aus sich macht. Dabei vergisst er aber nie, woher er kommt. Allein darauf bin ich unendlich stolz.“

Öffnungszeiten
Kinderwohnung
Mo – Fr: 13 – 19 Uhr
Ferienzeit: 11 – 20 Uhr

Kleiderbörse
Mo – Fr: 10 – 18 Uhr
Sa: 10 – 14 Uhr

Sie wollen helfen?
Dringend gesucht werden derzeit Ehrenamtliche (18 bis 99 Jahre) mit Lust am Basteln, Vorlesen oder Fußballspielen, zum Begleiten von Näh- oder Handwerks-Kursen sowie für alle Arbeiten in und um die „Sonnenblume“.

Spendenkonto
Sparda-Bank Hannover
IBAN: DE86 2509 0500 0000 9217 18
BIC: GENODEF1S09
Verwendungszweck: „Kinderprojekt Sonnenblume“

www.sonnenblume-bremerhaven.de