Zusammenleben ist machbar, Herr Nachbar

Im Haus der Zukunft in Lüssum ist jede Generation und Nationalität zuhause. Willkommenskultur entsteht am Kaffeetisch und Integration über viele Beratungsangebote. Das Haus an der Lüssumer Heide ist buchstäblich eine ausgezeichnete Adresse: Jüngst wurde es dank der hier gebündelten Aktivitäten für eine gute Nachbarschaft für den bundesweiten Integrationspreis 2017 nominiert. Für Quartiersmanagerin Heike Binne, den Blumenthaler Ortsamtsleiter Peter Nowack und GEWOBA-Geschäftsbereichsleiter Hans-Hermann Schrader fühlt sich die Aussicht auf den Preis schon wie ein Hauptgewinn an.

Das Haus der Zukunft und die GEWOBA sind für den Integrationspreis 2017 nominiert. Wie war Ihre Reaktion auf diese Nachricht?
BINNE: Ich habe mich riesig gefreut und nach dem ersten Überfliegen der Mail gedacht, wir hätten bereits gewonnen. Es stellte sich heraus, dass zwölf Projekte in den Kategorien „Netzwerk“ und „Nachbarschaft“ aus der ganzen Republik nominiert sind. Die Nominierung allein gilt dabei schon als Auszeichnung.

Wie hoch haben Sie die Chancen der gemeinsamen Bewerbung eingeschätzt?
SCHRADER: Ich habe nicht damit gerechnet. Umso überraschter bin ich natürlich jetzt. Das ist sehr positiv und bestätigt die tolle Zusammenarbeit vor Ort. Schon die Nominierung zeigt, wir sind weit vorn – und haben zusammen viel dafür getan und erreicht.
BINNE: In Kooperation mit der GEWOBA und anderen Trägern haben wir sehr viel im Bereich Integration angeboten. Das wurde mir klar, als ich ein Organigramm über unsere Angebote erstellte. Ich dachte, mit diesem Programm haben wir auf jeden Fall Chancen auf den Preis. Seit 2014 sind viele Menschen mit Fluchthintergrund nach Lüssum gezogen, wir helfen gemeinsam beim Ankommen.

Seit 2014 sind viele Menschen mit Fluchthintergrund nach Lüssum gezogen, wir helfen gemeinsam beim Ankommen.

Heike Binne, Quartiersmanagerin

Was bedeutet diese Auszeichnung für Lüssum?
SCHRADER: Es ist eine sehr positive Ausstrahlung von Lüssum nach Bremen und noch darüber hinaus, die zeigt, wie wichtig soziales Engagement und Integration für unsere Gesellschaft sind.
NOWACK: Dieser Preis, besonders weil es der erste Integrationspreis ist, ist eine Auszeichnung für die Arbeit der Aktiven und Freiwilligen. Selbst wenn wir nicht den Gewinn bekommen, so waren wir dabei, das zählt.

Was hat noch nachhaltige Wirkung?
BINNE: In der Bewerbung sollte ich unsere Arbeit in einem Satz beschreiben. Das war nicht so einfach, nun bleibt mir der Titel für immer im Kopf: „Zusammenleben ist machbar, Herr Nachbar!“.

Welche besonderen Beispiele für gelungene Nachbarschaften und Integration erleben Sie in Lüssum?
BINNE: Wir haben letztes Jahr Kennenlerntreffen vor den Häusern organisiert, in die neue Familien eingezogen sind. Alte und neue Nachbarn sollen ins Gespräch kommen, etwas über die Nachbarschaft erfahren. Es nahm auch ein alleinstehender Vater teil, er hatte extra einen Schokokuchen gebacken. Er fand diese Aktion so schön und wollte sich bedanken. Das fand ich bemerkenswert. Er ist mit vier Söhnen aus Syrien geflüchtet und freute sich auf neue Kontakte. Das kann man einen guten Anfang nennen.
SCHRADER: Unser für die Anwohner errichteter Gemeinschaftsgarten hat sich sehr gut entwickelt. Ich war selbst dabei und habe erlebt, wie leicht es sein kann, Berührungsängste
durch niedrigschwellige Angebote wie das gemeinsame Gärtnern abzubauen.

Was zeichnet das Haus der Zukunft samt Kooperationspartner aus?
NOWACK: Es ist ein ganz besonderer Ort, der schon seit 1997 besteht. Menschen aus allen Kulturen treffen dort aufeinander und haben ein gemeinsames Ziel vor Augen – einen lebenswerten Ort zu schaffen. Das Team scheut sich nicht vor Herausforderungen. Als die Flüchtlingswelle begann, brachen nicht alle Strukturen zusammen – man hatte den Willen, es zu schaffen. Die Grundeinstellung des Teams ist toll, das soll und muss belohnt werden.

Welche konkreten Integrationsmaßnahmen können Menschen im Haus der Zukunft wahrnehmen?
BINNE: Neben den Willkommenstreffen bie-ten wir Beratungen, Sprach-, Sport- und Kulturangebote. Die zugezogenen Familien haben ein hohes Interesse daran, dass die Kinder die Sprache lernen und einen Schul- oder Kitaplatz bekommen. Sie wissen, Verankerung in der Gesellschaft läuft über Bildung. Darin unter-stützen wir sie und bieten auch Nachhilfe an. Im Haus der Familie gibt es zudem Eltern-Kind-Angebote.
SCHRADER: Wir haben darüber hinaus eine beratende Anlaufstelle am Lüssumer Ring eingerichtet und eine Welcome-Map entwickelt. Unser Hauswart lässt sich auch von Sprachbarrieren nicht abschrecken und findet für jedes Problem eine Lösung. Die Integrationsprojekte kosten Geld, aber der GEWOBA ist es wichtig, sie für die Menschen vor Ort realisieren zu können.
NOWACK: Gute Leute sind ein Erfolgsgarant. Das GEWOBA-Personal und die Kolleginnen und Kollegen sowie Freiwilligen in Lüssum brennen für die Projekte, das merkt man.

Die Integrationsprojekte kosten Geld, aber der GEWOBA ist es wichtig, sie für die Menschen vor Ort realisieren zu können.

Hans-Hermann Schrader, GEWOBA

Wie würden Sie Lüssum beschreiben?
NOWACK: Ich bin hier aufgewachsen und habe die Veränderung hautnah miterlebt. Heute ist Lüssum für mich wie ein kleines New York, ein Schmelztiegel aller Kulturen, die friedlich miteinander leben.

Nur einen Times Square gibt es nicht.
NOWACK: Dafür gibt es aber das Hochhaus, das die GEWOBA aufwändig saniert hat. Seitdem hat es einen gläsernen Fahrstuhl, wo gibt es das schon? Früher war diese Adresse ein schlimmer Ort.
BINNE: Heute ist das Hochhaus mit der großen Sonnenblume ein positiver Fixpunkt in Lüssum.

Heute ist Lüssum für mich wie ein kleines New York, ein Schmelztiegel aller Kulturen, die friedlich miteinander leben.

Peter Nowack, Ortsamtsleiter Blumenthal

Integrationspreis 2017
Zum ersten Mal loben der Deutsche Städtetag, der AWO Arbeiterwohlfahrt Bundesverband, der GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, der vhw – Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung und der Deutsche Mieterbund gemeinsam den bundesweiten Wettbewerb zum „Integrationspreis 2017“ aus. Er findet unter dem Motto „Zusammenleben mit neuen Nachbarn“ mit Unterstützung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit statt. Der Preis wird am 13. Juni in Hamburg verliehen. Vorsitz in der zwölfköpfigen Jury hatte der ZDF-Fernsehmoderator Mitri Sirin.