Älter – aber kein bisschen leise

Die drei großen Lieben im Leben von Sven „Limbo“ Limberg: Huchting, Punkrock und Ehefrau Martina. Denn – in eben dieser Reihenfolge sortiert sich das Genannte in die persönliche Chronik des 56-Jährigen. Eine Chronik, die es nun sogar in Buchform gibt. Wir haben den Autor in seiner Huchtinger GEWOBA-Wohnung besucht.

Lieblingsplatz & Party-Zentrale in Kirchhuchting
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In den Straßen des Bremer Südens ist Sven Limberg, genannt „Limbo“, bekannt wie ein bunter Hund. Das Urgestein der Huchtinger Punkszene prägte die hiesige Jugendkultur in den wilden Achtzigerjahren entscheidend mit, schlug Wurzeln und blieb. Bis heute kleidet er sich in Jeans, Bandshirt und Turnschuhen zur obligatorischen Lederjacke, trägt Ohrringe und die Haare am liebsten bunt gefärbt. Denn – für Sven Limberg ist „Punk“ so viel mehr als Musik, es ist eine Lebenseinstellung. Und mit Klischees braucht man ihm gar nicht erst zu kommen. „Ich hatte eine glückliche, behütete Kindheit“, erzählt Sven Limberg, dessen Vater bereits ein waschechter Huchtinger war. „Ich habe nicht rebelliert, um zu rebellieren, sondern möchte einfach für das einstehen, was mir wichtig ist.“

Ich habe nicht rebelliert, um zu rebellieren, sondern möchte einfach für das einstehen, was mir wichtig ist.

Sven „Limbo“ Limberg

Zuhause in Kirchhuchting
Alles andere als ein Klischee ist auch das gemütliche Zuhause des 56-Jährigen. Im ersten Obergeschoss eines weiß gestrichenen Sechs-Parteien-Hauses teilt er sich rund 60 Quadratmeter mit Ehefrau Martina (54) und dem schwarz-weißen Wellensittich „Tweety“. Den kleinen Flur zieren wild-gestylte Achtzigerjahre-Porträts, gemeinsame Schnappschüsse von Partys und Konzerten sowie die Fotos von Sohn Nick (29), der in eben dieser Wohnung seine ersten Schritte machte und schließlich mit Anfang 20 das elterliche Nest verließ.

Von der Wohnungstür geht der Blick rechts in die kleine, sonnig gelb gestrichene Küche, groß genug für eine Küchenzeile und den Frühstücksplatz von Martina und Sven. Der Blick nach draußen zeigt die ruhige Anwohnerstraße im Ortsteil Kirchhuchting und üppig belaubten, alten Baumbestand. Eine Tür weiter – direkt gegenüber des Garderoben-Spiegels mit barockem Goldrahmen – findet sich das helle Wannenbad. Erst vor wenigen Jahren von Grund auf modernisiert.

Die Wohnung: der Spiegel einer wilden Zeit
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Immer alles im Blick hat Wellensittich „Tweety“.
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Worum sich hier beinahe alles dreht: Huchting & Punk
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Hereinspaziert ins Punk-Archiv
Nächster Halt: Limbos „begehbare Schatzkammer“ – und zugleich der mit Abstand kleinste Wohnraum der Huchtinger Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. In dem schmalen Raum mit deckenhohen Regalen finden sich rund 3.000 Vinyl-LPs, Singles, CDs und Kassetten sowie Kartons – prall gefüllt mit Zeitungsausschnitten, Plakaten, Flyern, Tickets und Fotos aus über vier Jahrzehnten „Punk in Huchting“ und somit die Grundlage für unzählige Geschichten und Anekdoten, die es mittlerweile sogar in Buchform gibt.

Vom Pogo in Huchting
Buch Nummer eins ist ein autobiografischer Doku-Roman und erzählt auf über 300 Seiten von „Limbos“ ersten Berührungen mit dem Punkrock Ende der Siebziger. Es geht um seine Verbundenheit mit der britischen Punkband „Sex Pistols“, seine Gründung der Jugendbands „Normkinder“ und „Aids Cats“ sowie um die wortwitzigen Geschichten aus dem damals selbstverwalteten Huchtinger Jugendzentrum „Altes Ortsamt“, dem einstigen Wohnzimmer der Punkszene Huchtings.

Buch Nummer zwei ist die erste und einzige Chronik zur Entwicklung des Punk in Huchting – von 1977 bis 2020 – und gewährt einen einmaligen Blick hinter die Kulissen einer Szene, deren Gründungsmitglieder und bekennende Fans mitunter heute zur Bremer Polit- und Wirtschafts-Prominenz gehören. „Vergesst London, Hamburg, Berlin oder Düsseldorf, der Hotspot des Punk war und ist seit den ersten Tagen Huchting. Wir hatten einfach die geilsten Bands am Start.“

Gute Stube mit Blick ins Grüne
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„Limbos“ Schatzkammer
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39 Jahre Martina & Sven
Beinahe in all den Jahren an seiner Seite: Martina, Limbos erste große Liebe und heutige Ehefrau sowie die Mutter des gemeinsamen Sohnes. So richtig „Zoom“ gemacht hatte es bei Limbo im Jahr 1982 auf einem Spielplatz in der Antwerpener Straße. Sven Limberg erzählt: „Ich war mit einem Kumpel dort, als Martina mit einer Freundin vorbeiging. Mein Kumpel wusste zum Glück, wer sie war, und so lernten wir uns wenig später kennen. Alles andere ist Geschichte.“ Offenbar eine mit Happy End, denn die beiden lieben sich bis heute wie am ersten Tag. Das Geheimnis ihres Glücks? „Toleranz“, sagt Sven Limberg. „Wir versuchen nicht, uns gegenseitig zu verbiegen. Außerdem haben wir Gemeinsamkeiten, können aber auch mal ganz gut ohne den anderen. Ich glaube, das ist die Grundlage für eine lebenslange Liebe, die beide rundum glücklich macht.“

Verliebt seit 39 Jahren
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Partys im Wohnzimmer
Lieblingsplatz der Limbergs ist das gemütliche Wohnzimmer ihrer liebevoll eingerichteten Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. Der großzügige Schnitt der „guten Stube“ gefällt dem jungen Paar seit der Wohnungsbesichtigung im Jahr 1993. Genauso wie der ruhige Blick ins Grüne. Den genießen sie vom gigantischen Bigsofa aus, flankiert von einem ovalen Tisch aus dunklem Massivholz. Der Tisch ist ausziehbar – aus gutem Grund. „Hier haben wir bereits mit 20 Leuten gesessen und Party gemacht“, erzählt der gelernte Handelsfachpacker. Pandemiebedingt ausgebremst, freut sich das Paar derzeit eher über tierische Gesellschaft – zu beobachten beim Blick auf den Balkon. Denn eben dort hat eine gefiederte Familie im Frühjahr 2021 ein kleines Vogelhaus bezogen – gestaltet im Stil eines Wohnwagens.

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Punk ist für mich in erster Linie eine Bewegung, die für Offenheit und Toleranz gegenüber den Menschen steht. Die seit jeher gegen rechte Hetze kämpft und für das Miteinander der Kulturen. Darum sind der Punk und ich in Huchting an genau dem richtigen Ort.

Sven „Limbo“ Limberg

Letzte Station unseres Rundgangs: Das Schlafzimmer der Eheleute, die im kommenden Jahr ihren 30. Hochzeitstag feiern.

Auf dem grauen Polsterbett wacht das zottelig-blaue Krümelmonster über den Schlaf von Martina und Sven. Links vom Bett: eine weiße Schminkkonsole und deckenhohe Kleiderschränke.

Wunderbar beruhigend wirkt eine dezente Barock-Tapete an der Wand hinter dem steingrau-gepolsterten Betthaupt. Vor den Fenstern lichtdichte Vorhänge in sattem Petrol.

Die Hoffnung: Endlich wieder auf Konzerte gehen
Die gemeinsame Freizeit verbringen die Limbergs am liebsten im Woltmershauser Schrebergarten. Und natürlich auf Konzerten. „Vierzig Jahre lang ging ich im Schnitt dreimal pro Monat auf ein Konzert“, erzählt der ehemalige Lagerist, der seit 2020 in Frührente ist. „Darum ist wohl auch klar, wer bei der ersten Gelegenheit nach Corona in der ersten Reihe steht.“

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Darüber hinaus hofft „Limbo“ auf weitere Gelegenheiten für Lesungen aus seinen zwei Büchern und, dass sich vielleicht ein Verlag dieser annimmt. Bis dahin druckt und verkauft er sie weiter selbst – auf Anfragen via E-Mail. Rund 100 Exemplare hat er so mittlerweile unter die Leute gebracht.

Seine Botschaft fasst Sven Limberg wie folgt zusammen: „Punk ist für mich in erster Linie eine Bewegung, die für Offenheit und Toleranz gegenüber den Menschen steht. Die seit jeher gegen rechte Hetze kämpft und für das Miteinander der Kulturen. Darum sind der Punk und ich in Huchting an genau dem richtigen Ort. Älter, aber kein bisschen leise.“

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Doku-Roman und Szene-Chronik „Anarchy in Huchting“ können derzeit per E-Mail an limbergsven@aol.com bestellt werden.
Preis: 15 Euro, zzgl. Versand